"Vernehmt jetzt eine andere, wegen einer minder beträchtlichen Summe nicht minder
unverschämte Rechtsverdrehung. Sosippos und Philokrates sind Brüder aus Agyrion [heute
Agira in Innern Siziliens]. Deren Vater starb vor nunmehr zweiundzwanzig Jahren. Nach einer
Bestimmung in seinem Testament sollte, wenn einer Auflage entgegengehandelt würde, der
Venus eine Buße zufallen. Erst zwanzig Jahre später, nachdem unterdessen so viele Prätoren,
so viele Qästoren, so viele Rechtsverdreher in der Provinz gewesen waren, beanspruchte man
von den beiden im Namen der Venus die Erbschaft. Verres führt die Untersuchung, durch
Volcatius empfängt er von dem Brüderpaar das Geld, etwa 400.000 Sesterzen. […] Die Brüder
aus Agyrion obsiegten, doch so, daß sie arm und mittellos abzogen.
«Aber Verres hat das Geld doch gar nicht erhalten.» Was ist das für eine Verteidigung? Besteht
man darauf, oder macht man nur einen Versuch? Denn mir ist dieser Einwand neu. Verres
stellte die Rechtsverdreher an, Verres lud vor, Verres führte die Untersuchung, Verres sprach
das Urteil; sehr hohe Summen wurden gezahlt, und wer zahlte, der bekam auch Recht."
Der illegale Ämterverkauf.
"Ich fasse alles in dem einen Satz zusammen, dass unter seiner Prätur nur Ratsherr werden
durfte, der Geld an ihn entrichtet hatte. Diese Feststellung möchte ich ebenso auf die
Beamtenposten, die Verwaltungs- und Priesterstellen anwenden. Hierbei hat Verres nicht nur
die menschlichen Satzungen, sondern auch sämtliche Verpflichtungen gegenüber den
unsterblichen Göttern mißachtet. In Syrakus besteht ein Kultgesetz, wonach alljährlich durch
das Los ein Jupiterpriester bestimmt werden muß; diese Priesterwürde gilt dort als die
angesehenste. Wenn durch Abstimmung drei Anwärter aus drei Gruppen gewählt sind, dann
stellt man die Entscheidung dem Los anheim. Verres hatte durch ein Machtwort erreicht, daß
statt der Abstimmung sein Vertrauensmann Theomnastos zu einem der drei Anwärter bestimmt
wurde. Die Leute warteten schon darauf, was er bei der Verlosung tun würde, die er nicht durch
sein Machtwort beeinflussen konnte. Der Mensch verbietet zunächst (das war ja das leichteste)
zu losen; er befiehlt, Theomnastos ohne Verlosung zu ernennen. Die Syrakusaner erklären,
dies dürfe nach den geheiligten Satzungen des Götterdienstes keinesfalls geschehen, kurz, sie
erklären, dies sei ein Frevel. Verres befiehlt, man solle ihm das Gesetz vorlesen. Es wird
vorgelesen. Es hieß dort, so viele Anwärter bestimmt wären, so viele Lose sollten auch in die
Urne geworfen werden; wessen Name herauskomme, der solle das Priesteramt erhalten. Da
sprach unser geistreicher und scharfsinniger Mann: «Ausgezeichnet, es steht ja geschrieben:
so viele Anwärter bestimmt sind. Wie viele», fragte er, «sind denn bestimmt» Die Antwort lautet:
«Drei.» «Was ist also erforderlich, als drei Lose hineinzuwerfen und eines herauszuziehen»
«Nichts.» Er läßt drei Lose hineinwerfen, die alle mit dem Namen des Theomnastos
beschrieben waren. Da erhebt sich lautes Geschrei; denn alle hielten dieses Vorgehen für
empörend und frevelhaft. So wird das hochangesehene Amt des Jupiterpriesters auf diesem
Wege dem Theomnastos verliehen."
Das Zehntgetreide.
"Agyrion ist eine der achtbarsten Gemeinden Siziliens; vor der Prätur des Verres gab es dort
vermögende Leute und Landwirte größten Stils. Den Zehnten dieses Bezirks hatte sich unser
Apronius ersteigert; er kam nach Aygyrion. Nachdem er dort mit seinen Dienern unter Gewalt
und Drohungen eingetroffen war, begann er einen hohen Betrag zu fordern, um wieder
abzuziehen, sobald er das Geld und einen zusätzlichen Gewinn empfangen habe. Er wolle
keine Scherereien haben, sagte er, sondern sich, wenn die Summe bezahlt sei, unverzüglich in
einer anderen Gemeinde festsetzen.
Die Sizilier sind insgesamt keine verächtlichen Leute, wenn unsere Beamten ihnen freie Hand
lassen, sondern ziemlich tatkräftig und zugleich durchaus rechtschaffen und besonnen - so vor
allem die Gemeinde, von der ich rede, ihr Richter. Die Agyriner erteilen daher dem
gewissenlosen Schurken den Bescheid, sie wollten ihm den Zehnten wie geschuldet zahlen,
doch einen Gewinn für ihn würden sie, zumal er für einen hohen Preis abgeschlossen habe,
nicht hinzutun. Apronius benachrichtigt den Mann, dessen Sache hier auf dem Spiele stand.
Sofort werden, als habe man in Agyrion eine Verschwörung gegen den Staat angezettelt oder
einen Beauftragten des Prätors mißhandelt, die Beamten und die fünf Vorsteher der Gemeinde
auf Geheiß des Verres von dort vorgeladen. Sie kommen nach Syrakus; Apronius ist anwesend;
er behauptet, gerade die, die erschienen seien, hätten dem Erlaß des Prätors
zuwidergehandelt. Sie fragten, worin. Er antwortete, vor den Richtern werde er Bescheid geben.
Verres, dieser Ausbund der Gerechtigkeit, wandte gegen die unglücklichen Agyriner sein
bekanntes Einschüchterungsmittel an; er drohte, er werde Richter aus seinem Gefolge
bestellen. Die unerschrockenen Agyriner erklärten, sie würden sich das Gericht gefallen lassen.
Da drang er ihnen Artemidoros Cornelius den Arzt und Tlepolemos Cornelius den Maler und
derartige Richter auf; sie waren allesamt keine römischen Bürger, sondern tempelräuberische
Griechen, Schurken seit langem, und mit einem Male Cornelier [Neubürger trugen den Namen
des Mannes, der ihnen das Bürgerrecht verschafft hatte. Cicero will hier wohl andeuten, dass
die betr. Personen sich das römische Bürgerrecht bloß angemaßt hatten]. Die Agyriner sahen
wohl, daß Apronius ohne die geringste Mühe mit allem Beifall erhalten werde, was er diesen
Richtern vortrage; doch sie wollten sich lieber zur Schmach und Schande des Verres verurteilen
lassen, als seinen Bedingungen und Forderungen zustimmen. Sie fragten, welche Formel er
den Richtern erteilen wolle. Er antwortete: wenn sich herausstelle, daß sie dem Erlaß
zuwidergehandelt hätten; worin, das werde er, wie er sagte, vor Gericht erklären. Sie wollten
lieber nach der unbilligsten Formel vor den gewissenlosesten Richtern den Kampf bestehen als
mit Verres irgendeinen Vergleich aus freiem Willen eingehen. Da sandte er heimlich den
Timarchides zu ihnen; der sollte ihnen zureden, sie möchten sich, wenn sie klug seien,
vergleichen. Die Agyriner weigerten sich nach wie vor. «Wie denn? Wollt ihr lieber jeder zu
50.000 Sesterzen verurteilt werden» Sie sagten: ja. Darauf ließ Verres sich laut vernehmen,
daß alle es hören konnten: «Wer verurteilt wird, soll mit Ruten zu Tode geprügelt werden.» Jetzt
erst begannen sie unter Tränen zu flehen und zu bitten, man möge ihnen gestatten, dem
Apronius ihre ganze Aussaat und Ernte sowie das Ackerland zu eigenem Besitz zu übergeben,
wenn sie nur selbst ohne Schande und Schaden abziehen dürften.
Nach diesem Grundsatz, ihr Richter, hat Verres den Zehnten versteigert. Da mag Hortensius,
wenn er will, erklären, Verres habe den Zehnten für einen hohen Erlös versteigert. So war unter
seiner Prätur die Lage der Landwirte, daß sie noch herrlich behandelt zu werden glaubten,
wenn man ihnen gestattete, ihre Äcker dem Apronius zu eigenem Besitz zu übergeben. Denn
sie wünschten ja nur den zahlreichen Mißhandlungen zu entkommen, die man ihnen in Aussicht
stellte. Soviel Apronius als Schuld festgesetzt hatte, so viel war man dem Erlaß gemäß zu
leisten verpflichtet. Auch wenn er mehr festgesetzt hatte, als erzeugt worden war? Auch dann.
Nach dem Erlaß des Verres mußten ja die Behörden den Betrag eintreiben. Aber der Landwirt
konnte Ersatz beanspruchen. Gewiß, jedoch vor Artemidoros als Richter."
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